Predigt am Sonntag vor der Passionszeit 14.02.2021

 

Eine innere Umkehr

(Jesaja 58, 1-9a)

„Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.

»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?

«Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

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Der Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja wurde in einer Zeit tiefer Verunsicherung für Israel geschrieben. Das babylonische Exil hatte eine Reihe wichtiger Führungspersönlichkeiten verschleppt. Doch nun kehren einige von ihnen in das Land zurück. Der zerstörte Tempel ist wieder aufgebaut worden. Ungewissheit bringt jedoch Angst mit sich, Angst um die Zukunft für Gottes Volk. Wer darf nun zurück und wie sollte das Volk Gott nun anbeten?  

Der Predigttext ist letztlich ein Gespräch zwischen Gott und dem Volk Israel. Er fängt an mit einem Befehl Gottes, einem klaren Auftrag für den Propheten Jesaja. Er soll eine Ansage machen, eine Ankündigung über den Ungehorsam des Volkes (im Text wird das Wort Abtrünnigkeit benutzt). Es darf so nicht mehr weiter gehen, wie das Volk sich das vorstellt und seine eigene Gerechtigkeit verteidigt.

Dann kommt eine Antwort, eigentlich eine Beschwerde, des Volkes an Gott. Das Volk klagt: Wir fasten, aber du, Gott, scheinst es nicht zu sehen.

Schließlich gibt Gott Antworten auf die Beschwerden des Volkes. Gott stellt fest, dass das Fasten des Volkes sie nicht zu besserem Verhalten führt. Sie fasten, aber ihr Fasten scheint ihr Verhalten gegenüber anderen nicht zu beeinflussen. Daher ist das Fasten des Volkes eine Halbherzigkeit, ja, sogar eine Hartherzigkeit. Sie quälen sich durch Fasten, aber die Gequälten und Bedürftigen in ihrer Mitte vernachlässigen sie. Sie fasten, aber gleichzeitig beachten sie das Leid der Armen unter ihnen nicht. Ihre Haltung wendet sie von der wahren Gottesliebe ab. In allem was sie tun sind sie selbstsüchtig. Ihre Taten sind leer, bedeutungslos, auch wenn sie sich an die Regeln und Gesetze halten. Tatsächlich ist ihr Fasten egoistisch. Zu fasten und dabei die Armen zu vernachlässigen wäre ein Verfall, ein Verlust des Glaubens. Und so steht Israels Streben nach äußeren Ritualen und Fasten im Widerspruch zu Gottes Streben nach Barmherzigkeit gegenüber den Armen.

Die Art zu fasten, die Gott möchte, ist das Brotbrechen mit den Hungernden. Die Israeliten wollten fasten, aber sie versäumten es, wahrzunehmen, was Gott will. Und so wird das Fasten neudefiniert:

„Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“

Gott geht es um das Wohlergehen der Gesellschaft, um die Befreiung von Ungerechtigkeit, um Freiheit. Dafür muss man das Verzichten lernen um die Not der Anderen zu lindern. Das Verzichten ist hier wesentlich. Im tiefsten Sinn geht es beim Fasten um den Verzicht auf das, was man für sich selbst hat. Beim Fasten geht es nicht darum, dem anderen die Reste meiner Nahrungsmittel zu geben, sondern mein eigenes Essen mit einem anderen zu teilen. Fasten hat auch nichts mit meinem eigenen Wohlbefinden zu tun, so wie man heutzutage oft hört, dass man um der eigenen Gesundheit Willen auf bestimmte Dinge verzichtet. Fasten bedeutet vielmehr, das, was ich für mich behalten habe, mit einem anderen zu teilen und durch das Teilen und Geben auch auf dessen Wohlergehen zu hoffen.

Und so ist es auch im Predigttext beschrieben:

„Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“

„So kann es nicht weitergehen“, würde der Prophet Jesaja auch heute sagen, angesichts des Klimawandels, aber auch angesichts der Obdachlosen und der Flüchtlinge, um einige der verschiedenen Bereiche unseres heutigen Lebens zu nennen. Im Licht der Botschaft des Propheten Jesaja sind wir aufgerufen die Menschen in Not nicht zu übersehen, sondern bereit zu sein mit ihnen in Kontakt zu treten. Jene und wir gehören zusammen. Die politische Auseinandersetzung sollte hier keine Rolle spielen. Hier gilt das einfache Prinzip, ich würde sagen das einfache menschliche Prinzip: Wer Hilfe braucht, soll auch Hilfe bekommen. Theologisch ausgedrückt: Wenn Demut alle Menschen vereint, wird Gottes herrliche Gegenwart auf ihnen ruhen.

Prinzipiell gilt: Wenn jeder Mensch auf der Welt bekommt, was er braucht und nicht mehr, dann sollte es keinen einzigen Menschen geben, der nicht hat, was er braucht. Wenn Länder anderen Ländern kein Unrecht tun, dann sollte es keine armen Länder und keine reichen geben. Es ist natürlich zuzugeben, dass es in der Geschichte eine Menge von ungerechten Taten gegen andere gibt und, dass die Armen und Ausgestoßenen oft vernachlässigt wurden. Und es ist unmöglich, diese ganze Geschichte der Ungerechtigkeit ungeschehen zu machen. Für all das sind wir auch nicht verantwortlich. Aber gleichzeitig können wir es nicht übersehen. Wir können nicht so leben, als gäbe es keine Ungerechtigkeit auf der Welt, wir können nicht so leben, als wäre alles in Ordnung, alles gut. Eins können wir alle tun, und das ist, sensibel zu sein für die Armen, verständnisvoll gegenüber den Ausgestoßenen und einladend gegenüber den Fremden. Diese eine Eigenschaft, die ich in drei verschiedenen Bildern beschrieben habe, wird durch das eine Wort „barmherzig-sein“ ausgedrückt. Denn wir geben den anderen weiter, was wir von Gott erhalten haben. Was uns bleibt, ist eine Hinwendung, eine Umkehr zu Gott. Und so lautet auch die Jahreslosung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Die Frage ist ob wir zu den Menschen, den Bekannten aber auch den Unbekannten, stehen würden, selbst wenn sie ausgelacht oder verachtet, verfolgt oder verdächtigt werden. Jesus wurde auch ausgelacht. Er wurde verfolgt, verdächtigt und verachtet. Und seine Freunde haben ihn begleitet.

Liebe Gemeinde, am Sonntag vor der Passionszeit sind wir aufgerufen, Jesus auf dem Weg nach Jerusalem zu folgen, genauso wie seine Jünger mit ihm nach Jerusalem gezogen sind und dort seinen Tod miterlebten. Jesus auf dem Weg nach Jerusalem zu begleiten bedeutet sich für Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe einzusetzen. Dies bedeutet oft auch Ungerechtigkeit auf sich zu nehmen, Leid mitzutragen, Verfolgung freiwillig zu erdulden.

Am kommenden Mittwoch, dem 17. Februar, beginnt die Fastenzeit. Und was ich heute sagen möchte, liebe Gemeinde, ist, dass wir uns auf die Zeit des Fastens und der Vorbereitung auf Ostern, auf den Weg nach Jerusalem, am besten durch eine innere Umkehr vorbereiten, eine Umkehr, sodass wir die Schuld vergangener Generationen ablegen. Wir bedauern all die ungerechten Handlungen gegenüber anderen Menschen, wir bedauern all den Schmerz und das Leid, das die einen den anderen zugefügt haben. In unserem Bedauern und unserem Gefühl des Mitleides entscheiden wir uns, den Weg der Gerechtigkeit und der Liebe zu wählen, den Weg der gleichen Rechte und Werte. In unserem Bedauern entscheiden wir uns, einen anderen Weg zu gehen als den, der in der Vergangenheit meistens beschritten wurde, und doch einen Weg, der in keiner Weise ein neuer ist. Es ist der Weg Jesu, den wir gehen wollen.

Als Vorbereitung für den Weg sehnen wir uns nach einer Einkehr, nach einer Umkehr, einer Umwandlung und einer Umformung. Wir sehnen uns nach einem Verzicht auf das Gewohnte und einer Neugestaltung der menschlichen Verhältnisse.

In dieser Fastenzeit bereuen wir all die dunklen Zeiten und Zeitalter der Vergangenheit und wir sehnen uns nach Licht und Liebe. Nicht nur die Fehler der vergangenen Generationen, sondern auch unsere eigenen Fehler, unsere Nachlässigkeit, unseren Stolz, unsere Suche nach Bequemlichkeit, nach Vorteilen und Privilegien, wollen wir ablegen. Lasst uns in dieser Fastenzeit die Sorgen der Mühseligen teilen, lasst uns die Ungeliebten lieben, für diejenigen sorgen, die in den Augen dieser Welt der Fürsorge nicht würdig sind. Wie wir das erreichen, müssen wir für uns selbst herausfinden. Wir können dafür beten und es von Herzen wollen und Gott wird uns den Weg zeigen, den wir gehen sollen. Denn Gott ist es, der unser Versagen vergibt, Gott ist es, der uns rein macht und Gott ist es, der uns einen neuen Anfang gewährt.

Liebe Gemeinde, mit diesen Gedanken möchten wir in die Fastenzeit gehen. Wir möchten uns für Gerechtigkeit einsetzen und beharrlich lieben. „Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“ (Jesaja 58,9a) Denn „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Matthäus 16,26a) Amen.


Sylvie Avakian

Eine Liebesgeschichte

(Jesaja 5, 1-7)

 

„Mein Geliebter hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel.

Und er grub ihn um und säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit edlen Reben. Mitten darin baute er einen Turm und hieb auch eine Kelter darin aus; und er hoffte, dass er [gute] Trauben brächte; aber er trug schlechte.

Nun, ihr Bürger von Jerusalem und ihr Männer von Juda, sprecht Recht zwischen mir und meinem Weinberg!

Was konnte man an meinem Weinberg noch weiter tun, das ich nicht getan habe? Warum hoffte ich, dass er [gute] Trauben brächte, aber er trug nur schlechte?

Nun will ich euch aber verkünden, was ich mit meinem Weinberg tun will: Ich will seinen Zaun wegschaffen, damit er abgeweidet wird, und die Mauer einreißen, damit er zertreten wird!

Ich will ihn öde liegen lassen; er soll weder beschnitten noch gehackt werden, und Dornen und Disteln sollen ihn überwuchern. Ich will auch den Wolken gebieten, dass sie keinen Regen auf ihn fallen lassen!

Denn das Haus Israel ist der Weinberg des HERRN der Heerscharen, und die Männer von Juda sind seine Lieblingspflanzung. Und er hoffte auf Rechtsspruch, und siehe da — blutiger Rechtsbruch; auf Gerechtigkeit, und siehe da — Geschrei [über Schlechtigkeit].“

(Schlachter Übersetzung)

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Haben Sie einmal die Erfahrung gemacht, dass Sie sich sehr um etwas bemühen, vielleicht um jemanden zu unterstützen, den Sie lieben, um ihm zu helfen, Sie geben alles, Zeit, Energie, Kraft, Sie machen sich viele Gedanken, was man für ihn tun könnte, und dann erfahren Sie, dass alle Ihre Bemühungen umsonst waren? Das was Sie erwartet haben, hat sich nicht realisieren lassen. Und Sie fragen sich: Warum? Woran liegt es? Was habe ich falsch gemacht? Wo habe ich versäumt, meinen Teil zu tun? Was hätte man mehr tun können, das ich nicht getan habe?

Der Predigttext heute beschreibt eine ähnliche Erfahrung, die Gott mit seinem Volk gemacht hat. Diese Beschreibung erfolgt aber in einer ganz besonderen Form, nämlich in Form eines Liebesliedes. Musik war und ist bis heute eine der ergreifendsten Ausdrucksformen der Liebe. Und es ist das Genre des Liebesliedes, durch das wir den heutigen Predigttext lesen und verstehen dürfen; ein Liebeslied über die Liebe zwischen dem Weinbergbesitzer und seinem Weinberg. Der Prophet verwendet das Bild der ständigen Sorge des Weinbergbesitzers für den Weinberg als das Hauptthema für seinen Text.

Der Sprecher ist zunächst der Prophet Jesaja und er beschreibt wie sein Freund, der ein Weinbergbesitzer war, seinen Weinberg liebte und sich um ihn kümmerte. Er erzählt von der liebevollen Pflege und der harten Arbeit des Weingärtners im Weinberg. Sein Freund hat das Land kultiviert, die besten Rebstöcke hat er angepflanzt und einen Turm gebaut, als Wachturm gegen Diebe aber vielleicht auch gegen Vögel.  Sogar eine perfekte Weinkelter baute er, in der die Trauben gepresst werden können.

Plötzlich kommt alles anders. Trotz aller Bemühungen des Weingärtners bringt der Weinberg schlechte Trauben, die zu nichts zu gebrauchen sind.

Unerwartet wendet sich der Freund selbst an das Publikum. Das Publikum wird angesprochen, gefragt und in die Entscheidung einbezogen:

 

„Nun, ihr Bürger von Jerusalem und ihr Männer von Juda, sprecht Recht zwischen mir und meinem Weinberg! Was konnte man an meinem Weinberg noch weiter tun, das ich nicht getan habe? Warum hoffte ich, dass er [gute] Trauben brächte, aber er trug nur schlechte?“

 

Der Freund bittet das Volk Juda, selbst zu beurteilen, was ihrer Meinung nach mit dem so unproduktiven Weinberg getan werden sollte. Hier kommt die innere, emotionale Frustration des Weinbergbesitzers über die widerwärtigen Früchte seiner Arbeit zum Ausdruck. Als Antwort wird er seinen schützenden Zaun entfernen und zulassen, dass der Weinberg von der Wildnis verwüstet wird. Er will ihn öde liegen lassen; er soll weder beschnitten noch gehackt werden. Anstatt erlesene Reben zu pflanzen, wird der Weinbergbesitzer zulassen, dass Dornen den Weinberg überwuchern. Er wird sogar den Regen vom Weinberg zurückhalten, so dass er in der Dürre schmachten wird.

 

Die Zuhörer merken spätestens jetzt, dass sie selbst der Weinberg sind. Nun enthüllt der Prophet wer der Weinbergbesitzer ist. Er ist Gott. „Ihr seid der Weinberg, er der Besitzer“.

In der Rede des Propheten Jesaja kommt ein bildhaftes Wortspiel vor. Der Tropfen des süßen Rotweins, den Gott sich gewünscht hatte, steht für das Wohlverhalten unter den Menschen. Anstatt Wein zu produzieren, haben die Menschen Blut vergossen. Gott erwartete Gerechtigkeit, hat aber stattdessen das Geschrei der Unterdrückten gehört. Das Volk hat den süßen Wein, das Wohlverhalten und die Gerechtigkeit mit blutigem Gesetzesbruch ersetzt. Die Mächtigen begehrten und häuften Reichtum für sich selbst an (1:29) und unterdrückten die Armen (3:14-15).

Israel hat sich entgegen den Erwartungen und Absichten Gottes verhalten. Das Volk hat den Liebesbund zwischen ihm und Gott gebrochen. Der Weinberg wird zerstört.

Nun ist keine Umkehr mehr möglich.

Ist das das Ende?

Wir wollen zu Petrus gehen. Wir haben über ihn in der Schriftlesung gehört. In dieser Nacht hat Petrus Jesus dreimal verleugnet. „Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ (Matthäus 26,75) Ist dies das Ende für Petrus? Jetzt weiß er, dass er das Schlimmste getan hat, was man tun könnte. Jesus war für ihn alles. Und jetzt ist es so, als hätte er ihn nie gekannt, als hätte Jesus nie in seinem Leben existiert. Wie kann alles in einem Augenblick verschwinden? Wie kann man die Worte und Taten der Liebe und der Barmherzigkeit vergessen? Wie kann man die Liebe und das Licht verleugnen und es vorziehen, in der Dunkelheit zu bleiben? „Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“

 

Aber das war nicht das Ende für Petrus. Jesus stirbt. Er kommt aber wieder zu ihm.

Die Begegnung findet statt, als Jesus schon tot war. Zum dritten Mal erscheint Jesus seinen Jüngern. Etwas später kommt er zu Petrus und fragt ihn dreimal: „Simon, Sohn des Jonas, liebst du mich?“ „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!“ Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe!“ (Joh. 21,15-17)

Der Predigttext aus dem Buch Jesaja, so wie er steht, gibt keine Aussicht auf eine Chance zur Umkehr, keine Möglichkeit zu reparieren, was zerbrochen wurde. Aber wir wissen, dass dies nicht die ganze Geschichte ist. Vielleicht ist das ein Teil davon.

Es ist wie, wenn die Kinder erwachsen sind und zu den Eltern kommen und die Eltern wissen, dass sie sie nicht mehr hören wollen. Es kommt ein Moment, in dem der Vater oder die Mutter loslassen muss. Aber tief im Herzen wissen die Eltern, dass dies nicht das Ende der Geschichte ist. Es kann nicht das Ende sein.

Und so inmitten der Erfahrungen von Enttäuschung, Leid und Schuld dürfen wir heute auf die Liebe Gottes hoffen.

Nur die Liebe vergibt, vergisst und gibt eine neue Chance, die Dinge anders zu tun. Unsere Geschichte mit Gott ist eine Liebesgeschichte, die ihren Höhepunkt in diesen schlichten Worten hat: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“ (Joh. 3,16).

Jesus ist gestorben. Die Tropfen seines Blutes stehen für uns heute für eine Gemeinschaft, in der gutes Verhalten und Liebe unter den Menschen möglich wird. 

Die Liebe Gottes ist unbegrenzt. Und so müssen auch wir lernen, so zu lieben, wie Gott uns liebt; zu lieben ohne Bedingungen, ohne Erwartungen. Solche Liebe kann den Geliebten auch gehen lassen, weil sie sich nicht aufdrängen kann. In diesem Band der Liebe gibt es auch Momente des Zornes, Momente des Alleingelassenseins, des Loslassens. Aber diese Momente sind nicht das Ende der Geschichte.

In diesem Sinne ist die Liebe „langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. Die Liebe hört niemals auf.“ (1.Kor.13, 4-7a)

In diesem Band der Liebe gibt es auch Momente der Enttäuschung. Momente, in denen unsere Liebe nicht beachtet wird, nicht gesehen, nicht gewürdigt, ähnlich wie die Momente der Enttäuschung, die der Besitzer des Weinberges empfand. Nicht nur Momente des Verlustes und der Traurigkeit, sondern die Liebe umfasst den Tod selbst. Aber der Tod ist nicht das Ende der Geschichte, und genau deshalb sind wir heute hier und denken über die Liebe eines Menschen nach, der vor etwa zweitausend Jahren starb. Die Liebe schließt den Tod ein, stirbt aber selbst nie.

Und so lesen wir im Buch des Propheten Jesaja weiter (Jesaja 43, 1-3a):

„Und nun, so spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.

Wenn du durchs Wasser gehst, so will ich bei dir sein, und wenn durch Ströme, so sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht versengt werden, und die Flamme soll dich nicht verbrennen.

Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Erretter!“ Amen.

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Du bist Gott der Weingärtner, und wir Dein Weinberg,

Du hast Deinen Weinberg von Steinen befreit

und hast ihn mit erlesenen Reben bepflanzt.

Mitten darin hast Du einen Turm gebaut

und hast auch eine Kelter darin ausgehoben

und Du hast gehofft, dass er gute Trauben brächte;

aber er trug schlechte.

 

Gott, zu dem wir gehören,

lass deinen Zorn nicht lange währen,

lass deinen Frust das Licht Deines Erbarmens nicht verdecken;

das Licht deiner Liebe und deines zarten Herzens.

 

Gott, zu dem alle Menschen der Welt gehören,

all die Armen, die Kranken, die, die allein auf den Straßen gelassen werden,

in den Zelten, die, die in der Kälte und Dunkelheit gelassen werden.

Lass ihre Verlassenheit nicht lange währen.

 

Lass auch unsere Traurigkeit nur einen Moment sein.

Lass unsere Wut nur einen Moment sein,

unsere Enttäuschung, unseren Stolz, die Bitterkeit.

Lass die Sonne nicht aufgehen, bevor wir zu dir kommen,

bevor wir lieben, verzeihen und vergessen können.

 

Lass unsere Freude vollkommen sein,

unser Fest fortsetzen,

lass unsere Hoffnungen und Träume wachsen,

und unsere Liebe ewig sein. Amen.

Predigt Palmsonntag

Eine feste Zuversicht

(Hebr. 11, 1-2; 12, 1-3)

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht. Durch diesen haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten.

Da wir nun eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, so lasst uns jede Last ablegen und die Sünde, die uns so leicht umstrickt, und lasst uns mit Ausdauer laufen in dem Kampf, der vor uns liegt, indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete und dabei die Schande für nichts achtete, und der sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat. Achtet doch auf ihn, der solchen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und den Mut verliert!“                                                                             (Schlachter Bibel)

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In der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem, die wir in der Schriftlesung gehört haben, wird erzählt, wie die Volksmenge Jesus als König mit Palmzweigen begrüßt. Die Palmzweige wurden als Zeichen des Jubels verwendet. Wenn wir an die jubelnde Menge denken, die den Einzug Jesu in Jerusalem begrüßte, können wir heute mindestens an drei verschiedene Gruppen von Menschen denken, die an diesem Tag verschiedene Gründe hatten, Jesus zuzujubeln. Die aber auch unterschiedliche Erwartungen an diesen König hatten.

Der wahrscheinlich größte Teil der jubelnden Menge hatte gesehen oder gehört, wie Jesus Wunder getan hatte. Zum Beispiel wie er Lazarus aus dem Grab gerufen und ihn von den Toten auferweckt hatte, wie dies im Johannes Evangelium geschrieben steht (Johannes 12, 12-19). Diese Menschen haben dafür Zeugnis abgelegt. Von diesen Wundern hatte die Volksmenge, die sich an dem Tag des Einzugs versammelte, gehört. Sie erwarteten, dass Jesus seine Macht nutzen würde, um sie von der Unterdrückung durch die fremde Macht Rom zu befreien. Dieser König sollte derjenige sein, der das Volk aus seiner Bedrängnis rettet, er sollte derjenige sein, der die Feinde besiegt und das Land von der fremden Obrigkeit befreit. Wahrscheinlich waren unter dieser Gruppe von Menschen auch Zeloten. Das war eine revolutionäre Gruppe im 1. Jahrhundert, die sich gegen die römische Besetzung Israels auflehnte. Diese Gruppe sah in Jesus einen Kriegsheld, der für Gott und für das Volk Gottes kämpfen sollte. Sie dachten, dass dieser König mit Macht die privilegierte Stellung der Juden unter den anderen Völkern beweisen und ihre Rechte wiederherstellen sollte. Für diese Gruppe von Menschen scheint das folgende Motto zu gelten: Wir sind etwas Besonderes unter allen Völkern. Gott hat uns zu etwas Besonderem gemacht und wenn wir kämpfen, wird Gott uns helfen, den Feind zu vernichten und den Sieg in unser Land zu bringen.  

Zu einer zweiten Gruppe gehörten höchstwahrscheinlich Menschen, die sich nach einem Anführer sehnten, dem sie unhinterfragt hinterherlaufen konnten.  Am Tag von Jesu Einzug in Jerusalem sahen sie wahrscheinlich, wie andere jubelten, feierten und sich freuten, und sie taten, was alle anderen taten. Wahrscheinlich wussten sie nicht einmal, wer Jesus war, oder was für ein Mensch er war. War er ein Kämpfer oder ein Friedensstifter? Was für eine Art von Erlösung konnte dieser Mensch ihnen bringen? Die Menschen, die zur zweiten Gruppe gehörten, machten sich keine Gedanken über diese Fragen und es scheint mir, dass zu dieser zweiten Gruppe die Mehrheit der Menge gehörte. Das Motto, das am besten zu dieser Gruppe zu passen scheint, ist: Tu, was andere wollen, und du wirst keine Kopfschmerzen haben. Heute sind auch wir mit der Gefahr konfrontiert, anderen zu folgen, ohne selbst über die zu treffende Entscheidung nachzudenken. Das gilt besonders für die junge Generation, zu der unsere Kinder und unsere Konfirmanden gehören, da die heutige technologische Welt es für die junge Generation immer schwieriger macht, selbst zu denken. Die Jugendlichen heute stehen oft unter dem Druck der sozialen Medien, aber auch unter Gruppenzwang. Und doch glaube ich, dass in den Jugendlichen viel Kraft steckt, „nein“ zu sagen zu allem Druck, nein zu sagen zu allem was nicht wahr ist. Sodass jeder selbstdenken und das Richtige, das Gute wählen und dafür auch einstehen kann.     

Schließlich gibt eine dritte Gruppe von Menschen, die auch dabeigewesen zu sein scheint, in der Menschenmenge. Das war wahrscheinlich die Minderheit. Diese konnten glauben, dass Jesus wahrhaftig der Sohn Gottes ist und deshalb zulassen konnten, dass er ihr Leben verwandelt und sie auch zu wahren Kindern Gottes macht. Hier könnte man Maria, die Mutter Jesu, erwähnen, aber auch andere Frauen und Jünger Jesu, die sich nicht nur über den Einzug Jesu in Jerusalem freuten, sondern auch zur Zeit seines Leidens und Sterbens bei ihm waren. Zu dieser Gruppe kamen viele andere hinzu, die im Laufe der Jahre und Jahrhunderte an Jesus glaubten und das Zeugnis von Jesus an andere weitergaben. Sie werden im Text als Wolke von Zeugen beschrieben. Wollen wir uns dieser Gruppe anschließen und Jesus in unserem Leben aufnehmen?

Wie können wir heute entscheiden, zu welcher Gruppe wir gehören? Brauchen wir einen Kriegsheld? Oder, vielleicht wollen wir einfach das tun, was andere tun? Oder wollen wir, wie die wenigen Jüngerinnen und Jünger, Jesus bis zum Kreuz folgen?

Im Predigttext finden wir eine Hilfestellung für uns. Dort lesen wir: lasst uns jede Last ablegen und die Sünde, die uns so leicht umstrickt, und lasst uns mit Ausdauer laufen … indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“.

Wenn wir auf Jesus schauen, befreit er uns von unseren Lasten und schenkt uns Ausdauer. Solche Ausdauer und Beharrlichkeit zeigen sich in der Zeit des Schmerzes und des Leidens. Der größte Teil der Menge, die vor Freude schrie, als sie Jesus in Jerusalem begrüßte, gehört zu denselben, die einige Tage später schreien werden: „Kreuzige ihn“. Nur die wenigen, die Jesus anschauen und wahrhaftig sehen konnten, wer er ist, blieben auch in der Zeit des Schmerzes bei ihm. Dieses „hinschauen auf Jesus“, liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, scheint heute nicht sehr attraktiv zu sein, in einer Welt, die nach Beweisen und Belegen sucht, und dadurch ihre eigene Macht und Kontrolle über alles demonstrieren will. „Hinschauen auf Jesus“ kann uns auch nicht viel garantieren, oder uns mit Beweisen oder Fakten überzeugen.

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht.“

Wenn wir heute über die Geschehnisse und die Ereignisse der letzten Tage im Leben Jesu nachdenken, werden wir herausfinden, dass die Menschen damals auch von Tatsachen und Beweisen bewegt wurden. Die Wunder, die Jesus vollbrachte, wurden als Beweise für seine Macht angesehen, anstatt sie als Zeichen seiner Liebe zu betrachten. Und ein paar Tage nach seinem Einzug in Jerusalem werden die Priester und die Pharisäer falsche Beweise und Indizien bringen, um Jesus als Verbrecher darzustellen und ihn schließlich zu töten. Und das Volk wird diesen Beweisen glauben oder einfach den Befehlen folgen, da sie Jesus nicht anschauen und in ihm den wahren Erlöser sehen können.

Jesus kommt nach Jerusalem und er weiß, was dort auf ihn wartet. Der Einzug Jesu in Jerusalem bedeutet nicht nur, dass Jesus sich an einen Ort der Gefahr begibt, sondern auch, dass er sich auf eine gefährliche Handlung einlässt.

Die Botschaft des Evangeliums für uns heute an diesem Palmsonntag ist: Wenn wir auf Jesus hinschauen, verwandelt er unser ganzes Leben und verändert uns tief im Herzen. Daher sollen wir Jesus nicht nur mit Worten empfangen, nicht nur mit Jubel, nicht nur mit dem Winken der Palmzweige, sondern in unserem ganzen Leben. Mit unseren Taten, Worten und Gedanken, und mit unserem Verstand und Herzen wollen wir heute auch sagen: „Komm Herr und rette uns“! Denn dies ist das Gebot Jesu, dass wir Gott mit dem ganzen Herzen und mit der ganzen Seele und mit der ganzen Kraft und mit dem ganzen Denken lieben. Glauben Sie mir, liebe Gemeinde, alle unsere Worte und Taten, die nicht durch das Herz gehen und aus uns herauskommen, sind Worte und Taten, die unvollständig bleiben werden. Es sind entweder Worte und Taten, die den anderen verletzen oder vernichten können, oder es sind bedeutungslose, sinnentleerte Worte und Taten, die wir nur sprechen und tun, weil wir es müssen, oder weil andere es tun. Aber die Worte und Taten, die durch das Herz gehen und aus dem Herzen herauskommen, sind Licht und Leben. Lasst uns heute vor Freude jauchzen und unseren Retter in und mit dem Herzen aufnehmen. 

Und wenn Sie mich heute fragen: Warum brauchen wir diesen Retter? Warum müssen wir auf ihn hinschauen? Dann würde ich sagen: Wir brauchen Jesus, denn seine Liebe und die Beharrlichkeit, die er uns gewährt, sind fester und solider als alle Beweise und Belege, die die Welt uns bieten kann. Die Beweise und Indizien dieser Welt können sich ändern. Menschliche Überzeugungen, denen die Liebe fehlt, haben meist keinen Bestand. Daher lasst uns, liebe Gemeinde, „mit Ausdauer laufen … indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“. „Hosianna! Gepriesen sei der, welcher kommt im Namen des Herrn.“ Amen.

 

Jesus Christus,

du kommst zu uns,

und wir wollen dich aufnehmen.

Wir haben für dich keine Palmzweige,

wir sind auch deine Güte nicht wert.

Aber wir wollen dich empfangen,

und mit dir bis zum Kreuz gehen.

 

Jesus Christus,

du kommst zu uns, heute und jeden Tag,

aber wir sind oft sehr beschäftigt.

Wir haben Dinge zu erledigen,

immer etwas zu tun.

Aber um ehrlich zu sein, gibt es nichts im Leben, das wichtiger ist

als du. Hilf Herr, hilf uns, Zeit für dich zu haben.

 

Jesus Christus,

du kommst zu uns als ein demütiger Herr,

auf einem Esel reitend und du bringst mit dir

den Frieden zu uns. Aber wir sind oft stolz.

Wir sind stolz auf das, was wir wissen,

und auf das, was wir in unserem Leben erreicht haben.

Wie können wir dich, den Demütigen, sehen?

Hilf uns, Herr, hilf uns, demütig zu sein.

 

Jesus Christus, manchmal sind wir in dieser Welt verloren.

Wir können nicht selbstdenken.

Wir ziehen es vor, den bestehenden Vorstellungen zu folgen,

oder den Weg zu gehen, den andere uns vorschlagen.

Manchmal fehlt uns die Kraft, Dinge anders zu tun, oder anders zu entscheiden.

Hilf uns Herr und gib uns deinen Mut.

Den Mut, für dich zu leben und zu sterben,

wie du für uns gelebt hast und gestorben bist.

Und sei für uns eine feste Zuversicht. Amen.                                                     28.03.2021